Zeidlerei


In Europa war die Zeidlerei bis Mitte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Sie verschwand in Deutschland mit dem Aufkommen des importierten Rohrzuckers und überlebte nur in den Tiefen des Ural, in Baschkirien. Ich habe die Kunst des Zeidlerns im letzten Jahr in der Nähe von Nürnberg (im Steigerwald) in einem Kurs erlernt, der von baschkirischen Meistern gegeben wurde. Dieser Kurs wurde vom Europäischen Forst-Institut und dem Staatsforstbetrieb Ebrach mit fachlicher Unterstützung der Organisationen "Free The Bees", "Mellifera" und polnischen Zeidlern durchgeführt. Frank Krumm, einer der Fachleute im wissenschaftlichen Beirat bei "Fee the Bees", schreibt dazu auf der Webseite von "Free the Bees": "Auch wenn dieses traditionelle Handwerk aus dem Mittelalter stammt, so wurde diese Bewirtschaftungsform an moderne Gegebenheiten angepasst und eine professionelle Varroa Behandlung ist trotzdem möglich, ebenso wie Brut- Inspektion und Fütterung. Die Zeidlerei ist also eine voll akzeptierte und völlig legale Bienenhaltungsmethode, jedoch in einer äußerst natürlichen Bienenbeute. Das Schlagen der Zeidlerhöhle schadet dem Baum in keiner Weise, wie diverse Förster mit Praxiserfahrung bestätigen. Der Baum lebt weiter und kann, dank des zusätzlichen Schutzes durch den Imker und durch die Biene selbst, die den Innenraum mit antibakteriell wirkendem Propolis auskleidet, sehr alt werden und wird auch für weitere potenzielle Bewohner interessant. Also ein Zusatz an Biodiversität im Wald!"

Um die Erkenntnisse, die ich bei diesem ersten Kurs gewonnen habe, weiterzugeben, habe ich dann selbst Ende März in Schloss Hamborn einen Kurs organisiert. Dazu trafen sich sechs Imker aus dem Demeter-Verband um sich mit dieser alten Technik bekannt und vertraut zu machen.

Als Ausgangsmaterial standen uns 1,60 m hohe und 60 Zentimeter dicke Stämme verschiedener Baumarten zur Verfügung. Unsere Aufgabe bestand nun darin, in diese Stämme ca. 30 cm breite und 1 m hohe Höhlen hinein zu schnitzen. Diese werden dann später Bienenvölkern eine neue Behausung geben. Schon im Mittelalter haben Imker den natürlichen Drang der Bienen, ausgehöhlte Bäume zu bevölkern, nachgeahmt und in stehende, lebende und meistens mächtige Bäume Höhlen hineingeschnitzt. Teilweise wurden auch solcherart ausgehöhlte Baumabschnitte an andere angehängt. Für diese künstlich geschaffenen Baumhöhlen entstand der Begriff "Klotzbeute". Diese Klotzbeuten wurden später auch einfach auf den Boden gestellt.

Die zur Herstellung dieser Klotzbeuten benötigten Spezialwerkzeuge wurden dankenswerterweise vom Schmied unserer Schule hergestellt. Und da wir im Umgang mit Kettensägen nicht allzu vertraut sind, half der Forstwirt Johannes Pickardt uns bei der groben Vorbearbeitung der Stämme.

 

Die Zeidlerei ist heute insbesondere deshalb interessant, weil in einem ausgehöhlten Baumstamm keine Volumenänderungen vorgenommen werden können, also, wie es in der Imkersprache heißt, keine Honigräume aufgesetzt und Brutnester erweitert werden. Dadurch können die Bienen völlig frei und ungehindert Schwärmen. Dieser natürliche Reproduktionszyklus wird in der Imkerei nicht gerne gesehen, da das freie Ausschwärmen zu sehr geringen Honigerträgen führt. Denn Honig ist aktuell der Anreiz für Imker, überhaupt Bienen zu halten. Allerdings ist, sowohl ökonomisch wie auch ökologisch betrachtet, die Bestäubungsleistung, die durch die Bienenvölker als Nebenprodukt erbracht werden, die wichtigere Leistung. Und genau diese Bestäubungsleistung kann beim Zeidlern sehr viel naturnäher (z.B. in Klotzbeuten) und unter geringem Einsatz an Behandlungsmitteln durch den Imker erbracht werden.

Im Anschluss an die groben Vorarbeiten kamen dann die Spezialwerkzeuge zum Einsatz. Das Foto zeigt einige von ihnen. Mit diesen Werkzeugen wird der zunächst mit der Säge heraus geschnittene Keil nach innen erweitert. Außen bleibt lediglich ein 12cm breiter und ca. 1 m langer Schlitz sichtbar. Darauf wurde ein ganzer Arbeitstag verwendet. Anschließend konnten die Teilnehmer des Kurses ihr Werk glücklich mit nach Hause nehmen und werden sie dann nach weiteren Feinarbeiten und der endgültigen Fertigstellung mit eigenen Bienen besiedeln.

Während des Kurses hatten wir Gelegenheit, uns eingehend mit dem Hintergrund der Zeidlerei zu beschäftigen. Der Fokus liegt bei dieser Art des Imkerns auf der Rückführung der Imkerei zu ihren Ursprüngen. Dabei richtet sich das Hauptaugenmerk nicht auf die Honigproduktion, sondern entscheidend sind die natürlichen Abläufe im Bienenvolk. Dazu noch einmal Frank Krumm auf Free the Bees: "Das Halten von Bienen in einem ausgehöhlten Baumstamm erhöht generell das Bewusstsein für natürliche Abläufe im Bienenschwarm und widernatürliche Eingriffe zugunsten der Honigproduktion. Zudem sind naturnah gehaltene Bienen in Baumstämmen (also Völker, die kontrolliert und bei Bedarf auch gefüttert und/oder behandelt werden können) optimale Bio-Indikatoren für den Zustand der Umwelt."

Grund genug also, die gewonnenen Erkenntnisse auch im ökologischen Bewusstsein von Schülerinnen und Schülern zu verankern. Deshalb werden auch unsere Schüler der 9. und 10. Förderklassen von mir in dieses alte Handwerk eingeführt.. Erfolgreich haben wir im Mai 2 Klotzbeuten mit einem Bienenschwarm besiedelt.